Nachschau - Veranstaltung am 22.05.2012

 

Vortragsabend

zum Thema

Ein Jahr nach Beginn des Aufstands –
Die aktuelle Lage in Syrien und in anderen Ländern des „Arabischen Frühlings“

Referent:

Dr. Kamal Sido

Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. (GfbV),
 
Göttingen

am Dienstag, 22. Mai 2011, 19.00 Uhr

im Hotel "Bad Minden"

Portastraße 36, Minden

*****

Pressebericht

vom 31.05.2012

Beim Kampf um Freiheit geht es

auch ums Geld

Der promovierte Historiker und Orientalist Kamal Sido prognostiziert für Syrien einen langjährigen, blutigen Bürgerkrieg, sollte der vom UN-Generalsekretär Kofi Annan vorgeschlagene Sechs-Punkte-Plan nicht akzeptiert werden. Foto: wk

Minden (wk). Der bereits seit einem Jahr andauernde Aufstand in Syrien, bei dem nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) bislang mindestens 10 000 Menschen getötet worden sind, ist das Thema eines Vortrages gewesen, zu dem die Sektion Minden der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) in das in der Weserstadt gelegene Hotel Bad Minden eingeladen hat. Als Referent fungierte der promovierte Historiker und Orientalist Kamal Sido, der 1961 im syrischen Kurdengebiet geboren ist und heute beruflich als Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. tätig ist.

In seinem Vortrag wurde deutlich, dass die Gemengelage in dem arabischen Land überaus vertrackt und der Weg zum Frieden steinig und weit ist. So setzt sich die insgesamt rund 23 Millionen Einwohner zählende Bevölkerung Syriens laut Sido aus vielen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften zusammen, von denen jede Gruppierung eigene Interessen verfolgt, die denjenigen der anderen mitunter stark entgegenlaufen. In ethnischer Hinsicht stellen demnach die Araber die große Mehrheit, gefolgt von Kurden (Anteil zehn bis 15 Prozent, fordern für sich Autonomie), palästinensischen Flüchtlingen („aus politischen Gründen nicht integriert“), Turkmenen (zwei Prozent), Tscherkessen, Armeniern, Assyrern und etwa Aramäern. Vom Glauben her wiederum sind mehrheitlich Sunniten vertreten, in geringer Anzahl Alawiten, Schiiten und Ismailiten sowie Jesiden (ethnisch Kurden, aber keine Muslime), Drusen und christliche Minderheiten. Hinzu kommen Probleme wie die ungelöste Kurdenfrage in der benachbarten Türkei und beispielsweise der arabisch-israelische Konflikt wegen der Besetzung der Golanhöhen durch Israel.

Die syrische Opposition besteht ebenfalls aus mehreren Gruppierungen, berichtete der Experte: Angefangen beim „Nationalen Koordinationskommitee für Demokratischen Wandel“, das das amtierende Assad-Regime nur auf friedlichem Wege stürzen will und „keine Einmischung von außen, keine Gewalt, kein konfessioneller Krieg“ fordert, über den „Syrischen Nationalrat“ und die „Freie Syrische Armee“ bis hin zu eben den Kurden. Gegen das Regime seien zudem der Fernsehsender Aljazeera, arabische Golfstaaten wie Katar und Saudi Arabien, die „International Union of Muslim Scholars“, die Türkei, einige westliche Regierungen und das Terrornetzwerk Al Qaida. Unterstützung erhalte das Assad-Regime dagegen seitens der Islamischen Republik Iran, der Hisbolla im Libanon, dem Schiitischen Irak sowie von Russland und China.

„Und das syrische Volk soll sich nun entscheiden“, brachte Sido das sich aus diesem Mix ergebende Dilemma der Bevölkerung auf den Punkt. Erschwert werde das Ganze beispielsweise noch dadurch, dass mitunter nicht klar sei, welche Gruppierung tatsächlich für einen der vielen Selbstmordanschläge verantwortlich ist. Sido selbst vertrat hier die Meinung, dass solche Taten anfangs vom Assad-Regime gesteuert gewesen seien, um den Menschen in Syrien Angst zu machen, mittlerweile aber auch auf das Konto von Al Qaida und der Opposition gehen, wobei es die Opposition nach seinen Erfahrungen „nicht gerne hört“, wenn er diese Ansicht auf offener Straße äußere.

Viele Länder wollen sich auch gar nicht in diesen „schwierigen Konflikt“ einmischen, weil daran so viele unterschiedliche syrische Volksgruppen beteiligt sind, führte der Nahostexperte aus. Eine Einmischung durch die Türkei könne dazu führen, dass sich der Konflikt wegen der kurdischen Interessen auch auf die Türkei ausweitet, weshalb sich die Türkei zurückhalte und auch keine Demokratie in Syrien haben wolle.

Schließlich geht es beim Aufstand in Syrien auch um finanzielle Interessen: „In jedem Konflikt ist Geld im Spiel“, so Sido. So seien in Syrien auf einmal Menschen als Oppositionelle aufgetaucht, die sich vorher nie für Menschenrechte eingesetzt haben, nun eine Partei gründen und dann Geld für die Bewaffnung von Milizen bekommen. Außerdem würden auch Erdöl und strategische Interessen eine Rolle spielen.

„Die Syrer wollen aber politische Mitbestimmung, Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, nationale Souveränität und Würde“, betonte Sido. Einen Funken Hoffnung maß er dem vom UN-Generalsekretär Kofi Annan vorgeschlagenen Sechs-Punkte-Plan bei, in dem der Verzicht auf Gewalt, ein Dialog zwischen den Konfliktparteien, die Freilassung von Gefangenen gefordert werde: „Alle hängen an diesem Plan, weil es keine Alternative gibt“.

Sido selbst ging in seinem Vortrag jedoch davon aus, dass es in Syrien „auf jedem Fall“ zu einem langen Bürgerkrieg kommt, der – „wie im Libanon“ – zehn Jahre dauern wird. Es sei denn, alle Akteure setzen sich in einer internationalen Konferenz zusammen („aber nicht in Istanbul“) und legen in einer Verfassung fest, dass Christen ihre Glaubensfreiheit behalten, Kurden Autonomie bekommen, Drusen ihre Rechte erhalten, Sunniten in ihre Moscheen gehen dürfen und Alawiten (denen der Diktator Baschar al-Assad angehört) „nicht geschlachtet werden“.

 

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