Nachschau - Veranstaltung am 18.04.2012

 

 

Gesprächskreis "nachgefragt"

 zum Thema

„Was hat mich bewegt,

in den Auslandseinsatz zu gehen?“

mit    

Frau Dr. Tanja Fantini

Oberstabsärztin der Bundeswehr

am Mittwoch, 18. April 2012, 19.00 Uhr
im Museum Bückeburg

Lange Straße 22, Bückeburg

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Pressebericht

vom 23.04.2012

„Ich habe vom ersten Tag an Angst gehabt“

Die Oberstabsärztin Dr. Tanja Fantini berichtet beim Gesprächskreis „Nachgefragt“

über ihren mehrwöchigen Einsatz in Afghanistan. Foto: wk

Bückeburg (wk). Volles Haus bei der jüngsten Auflage des von der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) in Kooperation mit dem Museum für Stadtgeschichte und Schaumburg-Lippische Landesgeschichte sowie dem Kulturverein Bückeburg ausgerichteten Gesprächskreises „Nachgefragt“: Wie schon verschiedene vorausgegangene Veranstaltungen ist auch das Thema „Was macht eine Ärztin der Bundeswehr im Einsatz in Afghanistan?“ auf eine so große Resonanz gestoßen, dass einige Zuhörer sogar auf den beiden ins Obergeschoss führenden Treppenaufgängen des Museums Platz nehmen mussten, um den Ausführungen der als Referentin eingeladenen Oberstabsärztin Dr. Tanja Fantini zu lauschen. In der Diele des Hauses waren nämlich schon alle Sitzplätze belegt.

Dass das Thema interessierte, konnte man im Verlauf des Abends zudem an den zahlreichen Fragen festmachen, mit denen das wissbegierige Publikum die 39-jährige Lübbeckerin löcherte, die im Jahr 2010 für zwei Monate nach Kunduz abkommandiert worden war, um dort als Rettungsmedizinerin an Bord eines Militärhubschraubers der amerikanischen Streitkräfte verletzte Soldaten (meist Amerikaner) und Afghanen zu versorgen. Ein Einsatz, den sie selbst ohne jede Spur von Draufgängertum als die „acht spannendsten Wochen ihres Lebens“ bezeichnete.

Diese Wertung war allein schon dadurch nachvollziehbar, da Fantini nach eigenen Angaben zu einer Zeit am Hindukusch Dienst gemacht hatte, in der das bei Kunduz gelegene Lager der deutschen ISAF-Truppe beinahe täglich von Talibankämpfern beschossen worden war: „Ich habe vom ersten Tag an Angst gehabt und diese Angst hat mich erst drei bis vier Wochen nach meiner Heimreise wieder verlassen“, verriet die verheiratete Mutter zweier minderjähriger Kinder. Die Anspannung unter den Soldaten sei überdies dermaßen groß gewesen, dass man die Luft habe „schneiden“ können, so sehr sei diese „von Adrenalin geschwängert“ gewesen.

Darüber hinaus hatten aber offenbar auch die Arbeitsbedingungen an Bord des amerikanischen „Black Hawk“-Helikopters mitunter für nervenzehrende Erfahrungen gesorgt. So schilderte die Oberstabsärztin etwa, dass die zur Verfügung stehende deutsche Sanitätsausrüstung nur bedingt kompatibel mit der US-Maschine gewesen ist, da diese Ausrüstung für eine Verwendung an Bord der vom deutschen Militär verwendeten „CH 53“-Hubschrauber konzipiert worden ist. Dementsprechend musste bei den Einsätzen bisweilen improvisiert werden.

„Die Vorbereitung ist gut, keine Frage, nichts ist aber so, wie man es vorher gelernt hat“, resümierte sie in diesem Zusammenhang. Hierzu zählte auch der Umstand, dass sich die amerikanischen Piloten locker über die von der deutschen Führung gemachten Einsatzbefehle hinweg gesetzt hatten, um verwundeten US-Soldaten in anderen Regionen als etwa dem vorgegebenen deutschen Sektor rund um Kunduz zu Hilfe zu kommen. Der Ärger, den es danach von deutscher Seite gegeben hatte, habe die Piloten jedoch „nur wenig gestört“, so ihre Einschätzung.

Ungewohnt war für Fantini ferner das „load and go“-Prinzip („Einladen und Losfliegen“), mit dem sie an Bord des amerikanischen Rettungshubschraubers konfrontiert worden war, und bei dem die richtige medizinische Versorgung der Verletzten erst nach Ankunft im Lazarett beziehungsweise Krankenhaus erfolgt.

Denn diese Helikopter seien üblicherweise nur mit einem Rettungssanitäter statt eines Arztes besetzt und böten daher – verglichen mit einem personell und ausrüstungsmäßig als Rettungshubschrauber ausgestatteten „CH 53“ des deutschen Militärs – auch deswegen längst „nicht die medizinische Luxusversorgung, die man in Deutschland gewohnt ist“.

Sehr offen berichtete Fantini zudem über den gelegentlichen Beschuss des „Black Hawk“-Hubschraubers durch Taliban, den sie in diesen Momenten jedoch nicht wahrgenommen hatte, weil sie voll und ganz mit der Behandlung der transportierten Patienten beschäftigt gewesen war, sowie über das Problem der posttraumatischen Belastungsstörungen von Soldaten. Ausweichend wirkte lediglich ihre Antwort („Das hatten wir bei uns nicht“) auf die grundsätzliche Frage des GfW-Sektionsvorsitzenden Klaus Suchland, der wissen wollte, ob es unter den deutschen Soldaten wegen solcher posttraumatischen Belastungsstörungen Suizidversuche beziehungsweise Suizide gegeben habe. Zu politischen Stellungnahmen ließ sich die promovierte Oberstabsärztin gar nicht bewegen.

Hinsichtlich ihrer damaligen Beweggründe, nach Afghanistan zu gehen, erklärte Fantini indes, dass es ihr wichtig gewesen sei, ihrem Dienstherrn, der Bundeswehr, „etwas zurückzugeben“. Und genau aus diesem Grund werde sie trotz aller Risiken im kommenden Jahr voraussichtlich noch einmal einen Einsatz als Rettungsmedizinerin in Afghanistan ableisten.

 

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