Nachschau - Veranstaltung am 12.10.2011

 

Podiumsdiskussion

zum Thema

Ich bin Zeuge von Gewalt – und nun?

Wer gibt mir Sicherheit?

Es diskutieren:

Frau Gunda Evers

Erste Kriminalhauptkommissarin Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke
Herr Dr. Ulrich Hartmann

Rechtsanwalt aus Minden
Herr Hans-Heinrich Spieß

Psychotherapeut und Psychoanalytiker aus Minden

Herr Friedhelm Tegeler

„Weißer Ring“ aus Espelkamp

unter der Moderation von
Herrn Hans-Jürgen Amtage

Ressortleiter Lokales beim „Mindener Tageblatt“

am Mittwoch, 12. Oktober 2011, 19.30 Uhr

im Hotel "Bad Minden"

Portastraße 36, Minden

*****

Pressebericht

vom 14.10.2011

"Prägen Sie sich den Tathergang genau ein"

Podiumsdiskussion über Gewalt und Zivilcourage / Zahlreiche Tipps - aber kein Königsweg für mögliche Zeugen

VON CARSTEN KORFESMEYER

Minden (cko). Gewalt hat viele Gesichter. Wegzusehen ist falsch, Handeln dagegen gefragt. Aber wie weit Zivilcourage gehen muss, kann selbst die Expertenrunde in der Podiumsdiskussion nicht eindeutig beantworten.

Es ist ein heikles Thema, das sich die Mindener Sektion der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik für die Veranstaltung ausgesucht hat. "Ich bin Zeuge von Gewalt - und nun?" Schon zu Beginn steht fest, dass es auf diese Frage keine klare Antwort geben kann. Denn zu unterschiedlich tritt Gewalt in Erscheinung.

Körperverletzung, Pöbeleien, sexuelle Belästigung oder Drohungen: Es komme immer auf die Situation an, wie sich die Zeugen in diesen Situationen verhalten sollten. "Man muss abwägen, wie weit man eingreift", sagt Gunda Evers. Die Kriminalhauptkommissarin stellt klar, dass sich dabei niemand in Gefahr bringen muss. Das gelte besonders dann, wenn Waffen im Spiel sind. Nur in irgendeiner Weise müsse etwas geschehen. "Die Polizei zu rufen, ist für einen Zeugen immer zumutbar."

Aber was darf man alles tun? Die Fragen aus dem Publikum zeigen, wie unklar sich die meisten über ihren Handlungsspielraum sind. "Es gibt natürlich Grenzen", sagt Dr. Ulrich Hartmann, Rechtsanwalt und Notar. So dürfe man beispielsweise einen Dieb nicht einfach erschießen. Der Jurist erklärt den Begriff Notwehr, wonach das Eingreifen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit geschehen muss. Generell brauchen Zeugen aber keine Angst vor Sanktionen zu haben. "Nur das Nichtstun ist strafbar."

In der von MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage moderierten Veranstaltung beteiligen sich die Zuhörer engagiert, teilweise auch emotional. "Was ist, wenn mich ein Straftäter als Zeuge einschüchtern will?", fragt eine Frau. Mit Hans-Heinrich Spieß sitzt ein Mann auf dem Podium, der sich als Psychotherapeut und Psychoanalytiker seit langer Zeit mit dieser Problematik befasst. "Drohungen werden meist nicht in die Tat umgesetzt", sagt er.

Ulrich Hartmann will zwar nicht ausschließen, dass ein gewisses Risiko vorhanden ist ("Besonders in Beziehungsstraftaten wird viel gedroht"), doch auch er sieht eine Gefährdung eher nicht.

Dass die Konfrontation mit dem Täter für Opfer und Zeugen eine schwere Belastung ist, bestreitet keiner. "Man darf das nie unterschätzen", sagt Friedhelm Tegeler vom Weißen Ring. Die Betroffenen seien in aller Regel verstört - und müssten das Erlebte erst verarbeiten. Das geschehe beim Weißen Ring intensiv. "Wir gehen auf Wunsch sogar mit ins Gericht oder bereiten die Opfer auf die Verhandlung vor", sagt er.

Die Facetten der Gewalt werfen gesellschaftliche Fragen auf. Gunda Evers sieht eine zunehmende Härte, die sich bei körperlichen Auseinandersetzungen zeige. "Auf am Boden liegende Opfer wird sinnlos eingetreten", sagt sie. Ihrer Ansicht nach spielen auch die Medien dabei eine Rolle, weil die Folgen verharmlost werden. "Die Hemmschwelle ist gesunken", sagt auch Ulrich Hartmann.

Knapp 90 Minuten wird diskutiert. Über Persönlichkeitsrechte der Täter und Opfer, Rechte der Zeugen oder Abläufe in Strafprozessen. Das Publikum erfährt, warum die Polizei viele Straftäter bis Prozessbeginn wieder auf freien Fuß setzt (Gunda Evers: Wir dürfen sie nur bis zum Abend des folgenden Tages vorläufig festnehmen. Über alles Weitere muss ein Richter entscheiden) oder warum die Namen in den Medien geändert werden. Dass es eine hohe Dunkelziffer in der häuslichen Gewalt gibt, kommt ebenfalls zur Sprache. "Auch von Pflegebedürftigen kann Gewalt ausgehen", sagt Hans-Heinrich Spieß. Das gelte auch für Pflegende.

Am Ende der Debatte sind zwar alle informierter, doch der Königsweg gegen Gewalt ist nicht gefunden. Es bleibt (wie erwartet) vieles offen. Konkret ist hingegen ein Tipp, den Zeugen auf jeden Fall beherzigen sollten - und der im Eifer des Gefechts leider oft vergessen wird. "Prägen Sie sich Täter und Tathergang ganz genau ein", sagt Friedhelm Tegeler.

 

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