Nachschau - Veranstaltung am 09.02.2012

 

Vortragsabend

 zum Thema

Zwölf Monate in Afghanistan –

Erfahrungen beim Aufbau der Pionierschule der
afghanischen Streitkräfte (ANA)

Referent:     

Oberst Dipl.-Päd. Uwe Becker

Kommandeur Pionierregiment 100

am Donnerstag, 09. Februar 2011, 19.30 Uhr
im Hotel Bad Minden

Portastraße 36, Minden

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Pressebericht

vom 15.02.2012

Bückeburg

Bildung als wirksame Waffe gegen die Taliban

 

In seiner Beamerprojektion zeigt Oberst Uwe Becker ein Luftbild des afghanischen „Camps Shaheen“, in dem sich auch die Pionierschule (blau umrandete Kreise) befindet, an deren Aufbau er ein Jahr lang mitgewirkt hat. Foto: wk

Bückeburg/Minden (wk). Zu einem Vortrag mit dem Titel „Zwölf Monate in Afghanistan – Erfahrungen beim Aufbau der Pionierschule der afghanischen Streitkräfte“ hat die Sektion Minden der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) ins Hotel Bad Minden eingeladen. Als Referent fungierte der Kommandeur des in der Weserstadt ansässigen Pionierregimentes 100, Oberst Uwe Becker, der bei der ISAF-Truppe im nordafghanischen Masar-E-Sharif von 2010 bis 2011 als „Senior Mentor“ mit der Leitung dieses Projektes betraut gewesen ist.

„Das, was ich als Kunde aus Afghanistan mitbringe, ist nicht unbedingt das, was hier in Deutschland gerne gehört wird“, stieg der studierte Diplompädagoge in das Thema ein. In dem großen Land am Hindukusch gehe es nämlich sehr wohl voran, wenn auch „nicht in unserem Tempo, sondern nach afghanischen Maßstäben“.

Zum näheren Verständnis berichtete er, dass Afghanistan, das fast doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, in der jüngeren Vergangenheit insgesamt rund 30 Jahre lang Bürgerkrieg und Talibanherrschaft erlebt habe. Folgen davon seien eine zerstörte Wirtschaft, Infrastruktur und Sozialstruktur. Ungefähr 75 Prozent der circa 29 Millionen Einwohner seien Analphabeten. Mehr als die Hälfte der Menschen würden zudem unter der Armutsgrenze leben, wobei es aber auch einige wenige Afghanen gebe, die „unanständig reich“ seien. „Ich weiß nicht, ob unsere Politiker mit diesen Problemen fertig werden würden, wie wir es von den Afghanen verlangen“, gab Becker zu bedenken. Hierzu eine Anekdote aus dem realen Arbeitsalltag am Hindukusch: Um eine nachhaltige Entwicklung der für das afghanische Militär konzipierten und dem Wiederaufbau des Landes dienenden Pionierschule zu erreichen, sei die Gewinnung geeigneten einheimischen Personals der „Schlüssel zum Erfolg“, berichtete der Bundeswehroffizier. Da die afghanischen Führungskräfte bei der fachlichen Eingruppierung ihrer Lehrgangsteilnehmer anfangs jedoch persönliche Kontakte, Verwandtschaften und etwaige andere Verpflichtungen statt objektiver Aspekte als Entscheidungskriterium angesetzt hatten, hatte der deutsche „Senior Mentor“ einen kleinen handwerklichen Test zur Auswahl von potenziellen Baumaschinenführern einführen lassen.

Der sah in der Praxis so aus, dass eine Kreuzschlitzschraube in einen Holzbalken hineingeschraubt worden war, aber eben noch ein Stück weit hinausschaute. Daneben hatte man einen Kreuzschlitzschraubendreher, ein Pendant für Längsschlitzschrauben, eine Zange und einen Hammer gelegt. Die einzuteilenden Lehrgangsteilnehmer (Mannschaftsdienstgrade) sollten nun dasjenige Werkzeug auswählen, mit dem sich die Schraube sinnvollerweise bis zum Anschlag ins Holz befördern lässt.

Dabei habe es allerdings durchaus „unterschiedliche Herangehensweisen“ gegeben, erzählte Becker schmunzelnd, betonte aber, dass man dennoch „fair und respektvoll bleiben“ müsse. Denn die – in einem Land ohne Kindergärten und Schulen aufgewachsenen – Afghanen können es aufgrund fehlender Bildung einfach nicht besser wissen. Was das Erlernen von handwerklichen Fähigkeiten wie etwa dem Mauern und Zimmern betrifft, seien die Lehrgangsteilnehmer aber mit Interesse bei der Sache gewesen. Aus dem über eine Schulausbildung verfügenden und in der Hierarchie höher angesiedelten Kreis der angehenden Feldwebel (Unteroffiziere) heraus hätten einige Teilnehmer sogar auf eigenen Wunsch einen an sich gar nicht vorgesehenen Englischkurs und danach sogar noch einen Computerkurs belegt.

Noch ein paar Fakten: Im „Camp Shaheen“, in dem sich auch die Pionierschule befindet, sind laut Becker zurzeit rund 3000 afghanische Soldaten beschäftigt. Davon gehören etwa 180 Afghanen zum Stammpersonal der Pionierschule, während sich die Anzahl der auszubildenden Lehrgangsteilnehmer auf gut 350 beläuft (bis Ende 2013 sollen es 1000 Lehrgangsteilnehmer sein). Ausgebildet werden außerdem Kampfpioniere, Hoch-/Tiefbauer (demnächst auch Elektriker und Installateure), Offiziere („hochintelligent, teilweise aus guten Familien und mit Studium“) sowie Spezialisten für den Kampfmittelräumdienst (Ausbildung nach NATO-Standard, hohe Durchfallquote).

Die Armee diene hier tatsächlich als „Schule der Nation“, resümierte Becker. Denn all diese Soldaten würden später mal mit Qualifikationen aus der afghanischen Armee entlassen, die die dortige Gesellschaft gut gebrauchen könne. Geleitet werde der mehrjährige Aufbau dieser Pionierschule durch ein ISAF-Team, zu dem sieben Nationen insgesamt 54 ISAF-Soldaten abgestellt haben, darunter 29 deutsche Soldaten.

Wie groß ist die Gefahr, dass mit dem Aufbau der Pionierschule zu einem Technologietransfer für die Taliban beigetragen wird, wenn die ISAF-Truppen das Land verlassen, wollte ein Zuhörer wissen? „Die Gefahr ist groß“, räumte Becker ein. An der Pionierschule selbst hätten die Taliban jedoch kein Interesse, da sie jede Form von Bildung ablehnen würden. Je mehr Bildung man den Afghanen also zukommen lasse, „desto eher erkennen sie, dass sie mit den Taliban keine Zukunft haben.“

 

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