Nachschau - Veranstaltung am 22.05.2014

 

 

Referent:

Oberfeldarzt Dr. Roland Nüsse

Fliegerarzt Taktisches Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“, Nörvenich

am Donnerstag, 22. Mai 2014, 19.30 Uhr

im Schützenhaus

der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Lechenich e.V.

Heinrich-Zimmermann-Weg,

 Erftstadt-Lechenich

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Sektionseigener Bericht

5000m Luftlinie mögen es vom Vortragslokal der Sektion zum Fliegerhorst Nörvenich sein. Trotzdem ist es leichter, einen Referenten aus dem Verteidigungsministerium in Berlin zu gewinnen, als den vielbeschäftigten Fliegerarzt des Taktischen Luftwaffengeschwaders 31 „Boelcke“, Oberfeldarzt Dr. Roland Nüsse. Deshalb war Sektionsleiter Burkhard Popien besonders erfreut, ihn als Referenten begrüßen zu können.

Dr. Nüsse blickt auf Erfahrungen aus 6 Einsätzen in Afghanistan zurück, der siebte zeichnet sich bereits ab. Zunächst stellte er seine Aufgaben als Fliegerarzt vor, die weit über die eines Truppenarztes hinausgehen. Ihm obliegt es, mit einem Team von Spezialisten das fliegende Personal, ca. 100 Personen, medizinisch zu betreuen. Da er die Anforderungen an den Piloten eines Eurofighters als die höchsten überhaupt beurteilt, bedarf es dieses arbeits- und personalintensiven Einsatzes.

Die Schilderung seiner Afghanistan-Einsätze begann er chronologisch mit der Anreise.

Es schlossen sich die Rahmenbedingungen des Einsatzes an. Dr. Nüsse sprach über Zustände und Arbeitsbedingungen in den Feldlagern, gab Informationen zu Land, Klima, der Bevölkerung, hygienischen Zuständen und auch lästigem Ungeziefer.  Vorgehensweise, Motivation und Verhalten der Taliban wurden geschildert. Die hieraus resultierenden Einsätze der Bundeswehr und das Bedrohungsszenario wurden ebenso plastisch dargestellt, wie Situation und Verhalten der einheimischen Bevölkerung.

Seinem Auftrag stellte er die Maxime voraus, dass der Soldat im Einsatz auf eine medizinische Versorgung vertrauen könne, die dem fachlichen Standard in Deutschland entspricht – in der Praxis ist sie häufig sogar besser. Die medizinische Versorgung erstreckt sich auf deutsche und verbündete Soldaten im ISAF-Einsatz, auf Polizeikräfte (EUPOL), zivile internationale Mitarbeiter und im Rahmen freier Kapazitäten auch auf zivile afghanische Patienten. Ferner gehörten die Lebensmittelüberwachung, Wasseruntersuchung und Hygienekontrollen zu den Aufgaben seines Sanitätseinsatzverbandes. Hinzu kam die Ausbildung afghanischer Sanitätskräfte.

Zur praktischen Arbeit vor Ort stellte Dr. Nüsse dar, dass er über die Repatriierung nicht mehr einsatzfähiger Soldaten zu entscheiden und diese zu organisieren hatte. Bezogen auf das erste Halbjahr 2012 waren dieses lediglich 3% auf Grund von Kriegsverletzungen, 56% dagegen wegen unfallbedingter körperlicher Schäden. Psychische Gründe (battle stress) führten bei 22% zur Ablösung.

Die Darstellung der Rettungskette mit Vorstellung der Einsatzfahrzeuge und der Einsatzorganisation zeigte auf, dass jedem verwundeten Soldaten nach besten Kräften auch unter den widrigsten Umständen geholfen wird. Im nach dem am 15.04.2010 gefallenen Militärarzt Dr. Thomas Broer benannten Einsatzlazarett stehen alle medizinischen Möglichkeiten eines deutschen Großstadtkrankenhauses zur Verfügung.  Die benötigten Medikamente werden in großem Umfang zugeführt.

Auch die erfolgreiche Profilaxe gegen landestypische Erkrankungen wie Malaria  und Leishmaniose (schwer heilbare Geschwüre, hervorgerufen durch Bodeninsekten) stellte der Referent dar.

Die speziellen Aufgaben eines Fliegerarztes im Einsatz bildeten den Schlussteil des Vortrages. Diese bestehen, kurz gesagt, in der Planung und Organisation des Lufttransportes von Verwundeten innerhalb Afghanistans und bis nach Deutschland.

Der typische Tagesablauf beginnt um 05.00 Uhr. Er ist ausgefüllt mit Briefings, Sprechstunden, Visiten und Konferenzen. Um Mitternacht bleiben zwei Stunden Schlaf, die von Flugvorbereitungen beendet werden. Der take-off erfolgt um 05.00 Uhr, nach der Patientenübergabe und Rückflug beginnt die Sprechstunde um 10.00 Uhr.

Nach gut 2 ½ Stunden beendete Dr. Nüsse seinen Vortrag, mit dem er die üblichen Zeitansätze des Sektionsleiters weit überschritt. Aber das wurde ihm überhaupt nicht verübelt – ganz im Gegenteil. Ob er ein guter Arzt ist, können wir nicht beurteilen, aber seine immer wieder  in die reich bebilderte Power-Point-Präsentation einfühlsam eingestreuten Geschichten von menschlichen Einzelschicksalen lassen es vermuten. Davon, dass er ein fabelhafter und mitreißender Vortragender ist, konnten wir uns überzeugen.

Abschließend waren wir uns einig: dieser Abend war ein Höhepunkt in unserem Veranstaltungskalender.

Burkhard Popien

Sektionsleiter

 

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