Nachschau - Veranstaltung am 14.02.2012

 

 

Vortragsabend

zum Thema

Piraterie vor Somalia

Hintergründe - Entwicklungen - Reaktionen

Referent:

Dr. Michael Stehr

Rechtsanwalt und Redakteur für See- und Völkerrecht beim "Marine Forum"

am Dienstag, 14. Februar 2011, 19.30 Uhr

im Schützenhaus

der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Lechenich e.V.

in Erftstadt-Lechenich

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Sektionseigener Bericht

 Geleitzüge, Skiffs und Whaler

 Spannender Vortrag über Piraterie am Horn von Afrika

Die Piraterie am Horn von Afrika ist nur deshalb möglich, weil in Somalia jegliche staatliche Ordnung zusammengebrochen ist. Einflussnahmen der Nachbarstaaten werden strikt abgelehnt. So endete 2006 der islamistische Einfluss, unter dem die Piraterie keine Rolle spielen konnte, weil sie nicht mit der Scharia zu vereinbaren ist.

Somalia ist ein ethnisch zerrissenes Land mit 10,1 Millionen Einwohnern. Seit 1991 hat es 1 Million Kriegstote und 2,2 Millionen Kriegsflüchtlinge zu beklagen.

Piratengangs sind seit 2007 praktisch die einzigen Ordnungs- und Wirtschaftsfaktoren im Lande. Betrug das Lösegeld für ein gekapertes Schiff zunächst 50.000 $, liegt heute die Norm bei 5 Millionen US-Dollar und mehr. Das Lösegeld wird nach einem festgelegten Schlüssel an Hintermänner, Unterstützer, Ausrüstungs- und Waffenlieferanten, örtliche Autoritäten, die Piratengangs und ihre Familien verteilt. Lösegeldeinnahmen sind zur Haupteinnahmequelle in Somalia geworden.

Nach diesen grundsätzlichen Ausführungen stellte der Referent die Abwehrmaßnahmen dar. Wichtig ist das frühzeitige Erkennen eines Piratenangriffes. Die üblichen Radargeräte sind aber nicht auf das Erfassen der kleinen und schnellen Piratenschiffe (Skiffs und Whaler) ausgelegt. Auch die menschliche Beobachtung mit Fernglas ist im bewegten Wasser schwierig. So gelingt es den Piraten häufig, sich unbemerkt anzunähern und zu entern.

Abwehrmaßnahmen sind u.a. Bandstacheldraht- oder Elektrozäune an der Reling und Wasserkanonen. Mit Rudermanövern kann es zwar gelingen, ein einzelnes Piratenboot zu rammen und abzuwehren, nicht aber bei einem Angriff von zwei oder drei Booten. Der Rückzug in einen gepanzerten Schutzraum bewahrt zwar die Besatzung vor körperlichen Angriffen, ist aber nur wirkungsvoll, wenn schnelle Hilfe von außen kommt.

Insgesamt ist festzustellen, dass die Piraten, obwohl in der überwiegenden Mehrzahl Analphabeten und ohne militärische Ausbildung,  sehr schnell lernen und deshalb mit großer praktischer Erfahrung und hoher Einsatzbereitschaft äußerst effektiv sind.

Deshalb sind aktive Abwehrmaßnahmen unverzichtbar. Den bestmöglichen Schutz bilden militärisch gesicherte Geleitzüge. Auch bewaffnete Teams militärischer oder ziviler Schutzorganisationen an Bord, die Piraten mit Waffengewalt bekämpfen, sind äußerst effektiv.

Niederländische militärische Einsatzkräfte haben beste Erfahrungen damit gemacht, die Piraten bereits an ihren Ausgangsbasen an Land und im Hafen zu bekämpfen.

Besonders die aktiven Einsätze sind an die jeweilige Gesetzgebung und das politische Mandat der beteiligten Staaten gebunden. An Bord der Handelsschiffe gelten die Gesetzte des Landes, unter dessen Flagge das Schiff fährt. Da die deutsche Gesetzgebung weit weniger aktive Maßnahmen zulässt als von den Reedereien gewünscht, verstärkt sich die Praxis der Ausflaggung, die bei deutschen Reedern aus finanziellen Gründen ohnehin schon groß ist, erheblich.

Auch die juristische Verfolgung gefasster Piraten stellt ein Problem dar, weil in ihren Heimatländern hieran so gut wie kein Interesse besteht und die an den militärischen Missionen beteiligten Nationen ebenso wenig interessiert sind, sich mit den Piraten neben dem juristischen ein soziales Problem ins Land zu holen.

Insgesamt betrug der Schaden durch Piraterie im Jahr 2011 6 Milliarden US-Dollar. Diese Summe setzt sich aus Lösegeldern, Kosten der Militäreinsätze, Kosten für Sicherheitsausrüstung und erhöhte Spritkosten zusammen, wobei letzterer Posten der mit Abstand größte ist. Im Gefahrenbereich erhöhen die Handelsschiffe ihre Geschwindigkeit, was zu einem deutlichen Anstieg des Dieselverbrauchs führt.

Dem hochinteressanten und sehr anschaulichen Vortrag schlossen sich zahlreiche Fragen an, die Dr. Stehr ausführlich und kompetent beantwortete.

Obwohl die Sektionsleitung sich zeitlich und räumlich in Konkurrenz zum hier absolut vorherrschenden Karneval begeben hatte, war die Veranstaltung doch gut besucht und stieß auf sehr positive Resonanz.

Burkhard Popien

Sektionsleiter

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