Nachschau - Veranstaltung am 24.10.2012

 

Vortragsabend

zum Thema
Die arabische Welt im
Umbruch

Referentin:

Martina Sabra

Freie Journalistin und Entwicklungsexpertin, Köln

am Mittwoch, 24. Oktober 2012, 19.30 Uhr
im Schloss Zweibrüggen
Übach-Palenberg

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Pressebericht

vom 29.10.2012

Aktuelle politische Umbrüche in Schloss Zweibrüggen vorgestellt

Von Silvia Szymanski

Die Kölner Journalistin Martina Sabra beim Vortrag im Schloss Zweibrüggen. Foto: szy

Gestürzte Despoten, freie Wahlen, demokratische Entwicklungen auf der einen Seite, Bürgerkriege und mangelhafte innere Stabilität auf der anderen: War der arabische Frühling nur ein Strohfeuer? Wird die Revolution nun „gefressen“?

Diese Frage stellte Herbert Wölfel von der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. Sektion Aachen/Heinsberg an den Anfang der Gemeinschaftsveranstaltung „Die arabische Welt im Umbruch“, die er gemeinsam mit Dr. Ulla Louis-Nouvertné von der Volkshochschule des Kreises Heinsberg eröffnete. Gut sechzig Besucher füllten  am Mittwoch, den 24. Oktober den Saal in Schloss Zweibrüggen.

Der Abend gab einen tiefen, eindrucksvollen Einblick in ein brisantes Thema. Die Kölner Journalistin Martina Sabra beschäftigt sich beruflich seit mehr als zwanzig Jahren mit der Situation im Nahen Osten und in Nordafrika. Immer wieder bereiste sie die Region, lebte dort, sprach mit den Leuten. Ihr hochkompetenter, kluger und lebendiger Vortrag zeichnete ein differenziertes Bild. Die Situation ist komplex und vielgestaltig. So beschränkte sich Frau Sabra in ihren Ausführungen auf Tunesien und Ägypten, wo die Bewegung ihren Anfang nahm, und stellte Länder wie Syrien oder Libyen mit ihrer speziellen Historie und ihren anders gearteten Konflikten zurück.

In Tunesien war es die Selbstverbrennung des jungen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, die letztendlich die Revolution auslöste. In Ägypten war es, unter anderem, der junge Khaled Said, der von der Polizei totgeschlagen wurde. In beiden Ländern aber hatten die Unruhen schon lange geschwelt. Die erstaunlichen Bilder des arabischen Frühlings, die den Westen dann zunächst erreichten, vermittelten einen starken Eindruck von Kreativität, Humor und Leichtigkeit: Die beglückenden Nachrichten über mutige, ja übermütige Frauen, versierte Benutzer moderner Medien, BloggerInnen, Rapper, Straßenkünstler ließen vergessen, dass auch der Anfang leider nicht nur friedlich war.

In Tunesien hatte sich unter dem Regime Ben Ali (1987-2011) die Macht weitgehend im Privatbesitz der Familien Ben Ali und Trabelsi befunden, deren Clans auch die Wirtschaft kontrollierten. Ben Ali hatte zuletzt pro Kopf dreimal so viele Polizisten wie in Deutschland benötigt, um aber am Ende weder die unzufriedene Bevölkerung noch die Islamisten beherrschen zu können. Schon vor dem eigentlichen Ausbruch der Revolution hatte es soziale Aufstände gegeben – gegen Vetternwirtschaft, Korruption, niedrige Löhne und Arbeitslosigkeit. Davon freilich war nichts in den vom Staat gesteuerten tunesischen Medien zu sehen gewesen, die Missstände und Armut verschwiegen, Zahlen und Statistiken fälschten und ihre Leser auf das Niveau eines Kleinkindes reduzierten.

„Im Moment ist die Entwicklung ambivalent“, so Martina Sabra. Die Ordnung ist noch nicht hergestellt, die Polizei arbeitet nicht zuverlässig, und die Bürger sind an die Unsicherheit eines freier gewordenen Landes nicht gewöhnt. Viele Dienste laufen nicht so wie sie sollten, ohne dass man die Gründe weiß: Sind die Staatsdiener aufgrund des geringeren Drucks nachlässig geworden? Oder werden die Strukturen von der gegnerischen Seite systematisch torpediert? Es entsteht jedoch zugleich viel Neues, große Volksparteien formieren sich.

Beim Thema Ägypten mit seiner ganz andren Ausgangssituation nach 60 Jahren Militärdiktatur war Martina Sabra weniger optimistisch. Während für den relativ unblutigen Verlauf in Tunesien u. a. auch die „Schwäche“ der dortigen Armee verantwortlich war, herrscht in Ägypten auch nach dem Sturz der Regierung Mubarak (1981-2011) noch immer ein mächtiger Militärrat, der Entwicklungen blockiert. Die Muslimbrüder und die Salafisten haben eine starke Präsenz; andererseits ist aber auch das bürgerliche Lager dabei, sich zu formieren, und an der Basis, auf den Straßen, geschieht nach wie vor viel. Ein Zurück zu alten Zeiten wird es nicht geben, bekräftigte Sabra.

In der anschließenden ausführlichen Fragerunde interessierten das Publikum besonders Fragen zu Israel und den USA: Ist die Feindschaft gegenüber Israel in der arabischen Welt wirklich so stark wie von den Medien vermittelt? Sabra verneinte das zumindest für die weiter von Israel entfernten Länder. Dort würden die Diskussionen zwar leidenschaftlich geführt, eigentlich aber fänden die Leute, dass sie andere Sorgen haben. Über die Haltung der USA im arabischen Frühling sagte sie, dass die USA aus wirtschaftspolitischen Gründen schon lange die Annäherung an moderate islamistische Kräfte suchen, bei denen sie die politische Zukunft sehen. Wobei in Tunesien und Ägypten die Wirtschaft aber ohnehin in anderen Händen liege. In Ägypten sei sie, wiewohl offiziell die Muslimbrüder regieren, Sache der Militärs. Und auch in Tunesien habe der (islamistische) Premierminister sehr eingeschränkte Befugnisse; regiert werde woanders - aber das System dort sei stabil, die Amerikaner zufrieden, das Volk fühle sich im Diskurs vertreten…

Auch die Frage des Tourismus beschäftigte viele Gäste, die zum Teil schon oft die Region als Urlauber besucht haben und nach der Revolution eine Diskrepanz zwischen dem medial Berichteten und ihrer erlebten Realität sahen. So ist an vielen Touristenzielen von Unruhe nichts zu spüren, Reisen ans Rote Meer und zu den Pyramiden sind kein Problem; in Tunesien allerdings ist der Tourismus stark zurückgegangen.

Zur Frage der Rolle der Frau sagte Sabra, die Unterdrückung bestehe nach wie vor. So war das vorrevolutionäre Tunesien zwar scheinbar westlich - die Frauen trugen keine Schleier -  aber ihre Rechte waren stark beschränkt. „Viele Frauen, die in Ägypten auf die Straße gingen, haben nicht damit gerechnet, dass die Islamisten an die Macht kämen. Doch während früher vieles im Geheimen geschah, wird nun die Gewalt öffentlich. Man erfährt es endlich“, beschreibt Sabra die zweischneidige, aber mehr als enttäuschende Situation.

Dennoch, ein „Strohfeuer“ sei die arabische Revolution nicht gewesen, schlug Sabra am Ende den Bogen zu Herbert Wölfels einführender Frage. Eher sei es mit einem „Feuerwerk“ zu vergleichen, das freilich nun abgebrannt sei; nach den Gipfelstürmen sei man bei den „Mühen der Ebene“ angekommen, inmitten einer Geschichte, die gegenwärtig geschrieben werde.

Martina Sabra beschloss den Abend mit einem warmherzigen Appell für weniger Klischeedenken und mehr Solidarität - von Mensch zu Mensch, aber auch in der Frage der Einwanderungspolitik: „Wir brauchen gut ausgebildete Kräfte, und diese Menschen, die aus der arabischen Welt zu uns kommen wollen, sind oft sehr gut ausgebildet, aber wir geben ihnen keine Chance.“  

Das Publikum applaudierte einer sehr interessanten Veranstaltung von hohem Niveau, in der sich manches vom emanzipatorischen, menschenrechtlichen und demokratischen Geist des arabischen Frühlings vermittelte und von der man nachdenklich und beeindruckt nach Hause fuhr.

 

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